Was kann eine Tür tun, um zu verhindern,
daß sie mit Wucht eingerannt wird?
Sie muß sich öffnen.



Martin Hoffmann
3. Dan Aikido
Dipl. Sozialarbeiter/Sozialpädagoge FH
Dipl. Biologe



Inhalt

Vorwort
1. Kampfkunst als Übung der Gewaltlosigkeit
2. Zum Verhältnis von Kampfkunst und Selbstverteidigung
3. Die Harmonie im Aikido
4. Einheit von Geist und Körper: Das Ki-Konzept
5. Die fünf Prinzipien
Zusammenfassung
Literatur



Vorwort

Diese Arbeit ist das schriftliche Ergebnis von einem seit Jahren andauernden Prozeß des Lernens, Lesens, Nachdenkens, Formulierens und schließlich des Aufschreibens. Ursprünglich war es meine Absicht, dies lediglich für mich zu tun, um meine Gedanken und Erfahrungen zu ordnen. Durch diesen Prozess wollte ich selbst mich ihrer versichern. Das Schreiben verstehe ich in diesem Sinne als einen Prozess der Erkenntnis. Deshalb kann das Ergebnis auch niemals endgültig sein. Ich hoffe doch sehr, mit dem Lernen nie zu einem Ende zu gelangen. Vieles von dem, was ich in dieser Arbeit ausgedrückt habe, stammt nicht von mir. Beeinfluß wurde ich von vielen, an erster Stelle natürlich von meinem Aikidolehrer Helmut Vogler von der Aikidoschule Schöneberg. Darüber hinaus habe ich einiges über Aikido und Kampfkunst gelesen. Wo es mir möglich war, habe ich versucht, zu zitieren und somit die Quelle meiner Gedanken offen zu legen. Da ich mich erst später entschloß, diese Arbeit auch weiterzureichen, ist mir dies sicherlich nicht in allen Fällen geglückt. Teilweise deshalb, weil ich nicht mehr wuße, wo genau ich eine Erkenntnis oder Idee her hatte, teilweise lag es aber auch daran, daß ich das eine oder andere Zitat nicht mehr wiedergefunden habe. Dafür bitte ich um Nachsicht. Ich möchte in diesen Fällen nicht so tun, als ob die entsprechenden Gedanken von mir sind. Im Zweifelsfall sind sie es sicherlich eher nicht. Wenn diese Arbeit jetzt doch andere Menschen lesen, obwohl sie nicht als Veröffentlichung gedacht war, so soll sie zur Diskussion anregen und nicht "Wahrheiten" verkünden. Wenn der eine oder andere Anregungen durch sie erhält, würde mich das freuen.

Martin Hoffmann März 2000




1. Kapitel: Kampfkunst als Übung der Gewaltlosigkeit

Läßt sich das Trainieren einer Kampfkunst, wie z.B. Aikido, mit Gewaltlosigkeit vereinbaren? Verbirgt sich hier nicht ein Widerspruch? Denn wenn man sich mit einer Kampfkunst beschäftigt, beschäftigt man sich mit dem Kämpfen. Und kann es einen "gewaltlosen" Kampf geben?

Fragen wir jedoch zunächst einmal anders: Muß man denn immer gewaltlos sein? Gibt es nicht auch "gerechtfertigte" Gewalt? Das Strafgesetzbuch beantwortet diese Frage so: "Wer eine Tat begeht, die durch Notwehr geboten ist, handelt nicht rechtswidrig. Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden" (StGB § 32 I u. II). Die Anwendung von Gewalt ist also dann "gerechtfertigt", wenn sie in der gegenwärtigen Situation erforderlich ist, um einen rechtswidrigen Angriff (z.B. einen Überfall oder den Versuch, mich zu schlagen oder sonstwie zu verletzen) abzuwehren. Und dem stimmen wir alle bedenkenlos zu: Wer angegriffen wird, der muß sich wehren! Dies steht unserem Empfinden nach auch nicht im Widerspruch dazu, daß wir ansonsten Gewalt allgemein ablehnen und verurteilen.

Oft jedoch geht die Rechtfertigung von Gewalt über die reine Abwehr von gegenwärtigen Angriffen hinaus. Der Gedanke der Rache ist auch in unserer Gesellschaft noch sehr präsent. Wie eine solche gerechtfertigte überschrittene Notwehr aussieht, ist in vielen Karate- und Kung-Fu-Filmen in einem immer wiederkehrenden Schema zu sehen. Schon Bruce Lee hat es in seinem Film "The Big Boss" verwendet: Der gute Held bemüht sich redlich auf Gewalt zu verzichten, ja, er weigert sich standhaft zu kämpfen. Aber im Verlauf des Films wird ihm und anderen so viel Unrecht zugefügt, daß er irgendwann gar nicht mehr anders kann, als sich gewaltsam zu wehren. Dabei gibt es dann viele Tote und Verletzte, aber der Zuschauer verzeiht dies. Wir empfinden dies lediglich als "ausgleichende Gerechtigkeit": Wenn die erlittene Schmach allzu groß wird, der Gegner allzu böse ist, dann ist eine entsprechend gewaltsame Antwort auf sein Verhalten zwar vielleicht nicht rechtmäßg aber immerhin doch "gerecht": Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Diese Auffassung von Gerechtigkeit, von "gerechter Gewalt", ist jedoch inzweifacher Hinsicht bedenklich. So wird dabei nicht wirklich realisiert, daß Gewalt immer Gegengewalt auslöst. Zwar ist dies auch genau die Rechtfertigung für die genommene Rache, es wird aber übersehen, daß durch die eigene Gewaltanwendung neues Leid produziert wird, das wiederum nach ausgleichender Gerechtigkeit schreit. Dies wird in Filmen freilich nie gezeigt, würde dann doch das Bild des guten und gerechten Helden in Frage gestellt werden. Die Gewalt jedoch setzt sich auf diese Weise fort und zeugt sich stets selbst aufs Neue. Ein tragischer Kreislauf, der anhand der Blutrache, wie sie auch in unserer Zeit beispielsweise in Albanien noch geübt wird, schrecklich deutlich wird. Aber soweit weg muß man von uns gar nicht gehen. Jeder hat schon die Erfahrung gemacht, wie man sich nach einem verlorenen Streit fühlt und sich nach einer Revanche sehnt, um es dem Gegner heimzuzahlen. Und hier liegt das zweite Problem. Denn um das subjektive Gefühl zu erreichen, sich erfolgreich gewehrt zu haben, muß man stark sein. Man muß so stark sein, daß man den Angreifer besiegen kann. Denkt man diesen Gedanken weiter, bedeutet dies, möglichst der Stärkste zu werden, damit die Gefahr einer Niederlage immer geringer wird. Bei genauerem Nachdenken wird allerdings schnell klar, daß man nicht immer gewinnen kann. Selbst ein professioneller Kampfsportler, wie beispielsweise ein Boxprofi, muß irgendwann einem Stärkeren weichen. So erweist sich auch die Kampfkunst, die mich schützt, weil sie mich körperlich stark macht, bei näherem Hinsehen schnell als eine Illusion.

Ein Satz, der die Konsequenz von Gewalt und Gegengewalt deutlich macht, ist bereits in der Bibel überliefert: Als Jesus verhaftet wird, um gekreuzigt zu werden, zieht Petrus ein Schwert, um ihn zu verteidigen, aber Jesus sagt zu ihm: "Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen"1.

Was aber ist die Schlußolgerung daraus? Will man den Kreislauf der Gewalt durchbrechen, muß man auf Rache und Revanche verzichten. Gewalt läßt sich nur durch Gewaltverzicht beenden. Genau diesen Gedanken verfolgt Jesus, wenn er in der Bergpredigt sagt: "Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin". Und weiter: "Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen"2. Jesus benennt die Ursachen von Gewalt. Für ihn beginnt ihr Kreislauf bereits im Kopf: "Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemanden tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: "Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein"3. Deshalb: Will man das Problem wirklich anpacken, kann man nicht lediglich nach "Taten" im Sinne des Strafgesetzes fragen. Man muß bis zu den Wurzeln vordringen, und diese liegen bei jedem Einzelnen von uns: Die Auslöser von Gewalt sind Streit und Zorn. Deshalb fordert Jesus, daß jeder mit dem Gewaltverzicht bei sich selbst beginnt. Die Bibel formuliert hier einen Standpunkt der Gewaltlosigkeit, wie er deutlicher kaum sein kann.

Soll dies nun aber bedeuten, auch auf Notwehr im engeren Sinne zu verzichten? Soll man sich aufgrund des Gewaltverzichtes vielleicht sogar umbringen lassen? Sicherlich nicht. Auch Jesus hat sich nicht einfach umbringen lassen. An einer Stelle im Neuen Testament wird berichtet, wie ihn eine aufgebrachte Menschenmenge nach einer Predigt in der Synagoge umbringen wollte: "Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch sie hindurch und ging weg"4. Diese Geschichte ist meiner Meinung nach ein großrtiges Bild, für eine im positiven Sinne verstandene Gewaltlosigkeit: Ohne gegen die aufgebrachte Menge zu kämpfen, geht Jesus einfach "durch sie hindurch", und offensichtlich ist es den Menschen nicht möglich, ihn daran zu hindern. Dies zeugt von einer enormen inneren Stärke, der die Angreifer nichts entgegenzusetzen haben. Diese starke Haltung kann darauf verzichten zu kämpfen und zu siegen. Sie hat nichts mit Schwachheit oder Wehrlosigkeit zu tun. Es ist eine aktive Haltung: "Ich verzichte". Nicht ein passives Erdulden, weil mir nichts anderes übrig bleibt. Nicht eine quasi autoaggressive Haltung, aus der heraus ich mich verprügeln lasse, weil es mir verboten ist, mich zu wehren, weil mir Aggressionen verboten sind.

Kommen wir zu unserer Anfangsfrage zurück: Läß sich Kampfkunst und Gewaltlosigkeit miteinander vereinbaren? Nun, wenn es das Ziel der Kampfkunst ist, eine innere Stärke zu entwickeln, die es mir ermöglicht, auf Gewalt zu verzichten, dann kann auch eine Kampfkunst eine "Übung zur Gewaltlosigkeit" sein. Sie kann dann als ein Weg verstanden werden, der zu einer Haltung der Liebe führt. Morihei Ueshiba (1883-1969), der Begründer des Aikido, sagte: "Aikido ist der Weg des Friedens. Die Verwirklichung der Liebe"5. Gewaltverzicht aus einer Haltung der Liebe heraus, die dem Anderen keinen Schaden zufügen will, ist eine starke Haltung. Sie ist ein Ideal. Wie aber kann es durch eine Kampfkunst gelingen, sich diesem Ideal zu nähern?

Wer sich verteidigt, hat oftmals Angst. Denn verteidigen müssen wir nur etwas, dessen wir uns unsicher sind. Wenn wir "selbstunsicher" sind, müssen wir zur "Selbstverteidigung" greifen. Ziel der Kampfkunst, des Aikidotrainings, wie ich es verstehe, ist es deshalb, dem Übenden zur Selbstsicherheit zu verhelfen. Der Sohn von Meister Ueshiba beschreibt dies mit den Worten, daß es im Aikido hauptsächlich darum gehe, in sich selbst ein stabiles Zentrum zu entwickeln6. Dies zeigt die Richtung des Übens auf: Wir üben nicht um "kräftig" zu werden, so daß wir Kämpfe gewinnen können. Ziel ist es nicht, andere zu besiegen, denn damit würden wir an dem eigentlichen Problem vorbei üben. Wir müßen üben, damit unser Selbst sicherer wird. Je mehr uns dies gelingt, desto mehr wird die Angst schwinden. "Die Fähigkeit, im Frieden mit anderen Menschen und mit der Welt zu leben, hängt sehr weitgehend von der Fähigkeit ab, im Frieden mit sich selbst zu leben. (...) Die grundlegende Friedensarbeit besteht also darin, daß jeder sich selbst zuwendet und Harmonie unter den Elementen im eigenen Innern schafft, seinen Gefühlen, seinen Wahrnehmungen und seiner seelischen Verfassung", schreibt der sehr in der Friedensarbeit engagierte buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh7. Unser Üben ist deshalb auch nicht auf den "Gegner" gerichtet, sondern auf uns selbst. Wir üben uns in der Kampfkunst, um mit uns selbst weiter zu kommen, uns selbst bewegen und verhalten zu lernen, und nicht um mit dem anderen etwas zu machen, ihn zu werfen oder zu schlagen. Die Frage ist also immer, was macht eine Technik mit mir, und nicht, ob sie einen Effekt auf den Angreifer hat. ähnliche Gedanken formuliert auch Terrence Webster-Doyle für das von ihm begründete Take-Nami-Do-Karate: "Absicht und Ziel der Kunst des Karate bestehen darin, uns die Entdeckung zu ermöglichen, wer wir sind. (...) In einer vertrauensvollen und vertrauten Umgebung sind die Schüler in der Lage, sich bewußt zu werden über ihre angestauten Aggressionen, Spannungen und Konflikte. Alles, was verborgen oder zurückgehalten wurde, darf nun beobachtet und betrachtet werden (...)"8.

Wer angegriffen wird, entwickelt Ängste und Aggressionen. Deshalb gehen wir im Training von Kampfsituationen aus. Wir üben uns in diesen Situationen, um mit den Aggressionen, vor allem mit unseren eigenen, umgehen zu lernen. Wir müssen lernen, in Bedrohungssituationen mit unseren Ängsten und den daraus resultierenden Aggressionen umzugehen, diese zu kanalisieren. Deshalb versuchen wir nicht, sie aufgrund eines Dogmas der Gewaltlosigkeit zu unterdrücken, sondern üben sie im positiven und kreativen Sinne zu "beherrschen". Durch das Üben von Kampfsituationen und der zunehmenden Erfahrung, daß wir darin bestehen können, können wir die Sicherheit erlangen, die es uns ermöglicht, in einem Konflikt gewaltminimierend, konfliktbeendend zu agieren.

Die Kampf- bzw. Verteidigungstechniken, die wir üben, dienen nicht dazu, kämpfen und siegen zu lernen, sondern das Bestehen in Angriffssituationen. Wir üben in solchen Situationen, nicht blind, unkontrolliert oder panisch, sondern bewußt, angemessen und beherrscht zu agieren: Uns selbst zu schützen, ohne den anderen vernichten zu müssen. Da nicht Siegen das Ziel ist, werden keine "KO-Techniken" geübt. Im Training kämpfen wir nicht gegeneinander, es wird vielmehr partnerschaftlich miteinander geübt. So üben wir von Anfang an auf den Partner zu achten, ihm Achtung entgegen zu bringen. Der Partner wird nicht in eine Bewegung gezwungen, z.B. in einen Wurf, der ihn gewaltsam auf den Boden schmettert. Stattdessen üben wir die Bewegung des Partners zu spüren, sie aufzunehmen und zu führen, nicht ihr die unsere entgegenzusetzen.

Diese Leitgedanken des Trainings, das Miteinander des Übens, bei dem auf jeglichen Leistungsvergleich verzichtet wird, die partnerschaftliche Atmosphäre, all dies ermöglicht jedem einzelnen eine individuelle Auseinandersetzung mit seinen Ängsten, seinen Aggressionen und deren Überwindung. So kann das Aikidotraining dazu beitragen, daß wir eine "Haltung der Liebe" entwickeln, eine Stärke, die uns wahrhaft die Feindesliebe ermöglicht.

1 Evangelium nach Matthäus, Kapitel 26, Vers 52. Die Bibel (EinheitsÜbersetzung).
2 Evangelium nach Matthäus, Kapitel 5, Vers 38-39 und 44. Die Bibel (EinheitsÜbersetzung).
3 Evangelium nach Matthäus, Kapitel 5, Vers 21-22. Die Bibel (EinheitsÜbersetzung).
4 Evangelium nach Lukas, Kapitel 4, Vers 29-30. Die Bibel (EinheitsÜbersetzung).
5 Aus A. Noquet: "Der Weg des AIKI-DO", Seite 49.
6 Vergleiche Kisshomaru Ueshiba: "Der Geist des Aikido", Seite 52.
7 Aus Thich Nhat Hanh: "Buddha und Christus heute", Seite 34.
8 Aus T. Webster-Doyle: "Karate. Die Kunst des leeren Selbst", Seite 16.

2. Kapitel: Zum Verhältnis von Kampfkunst und Selbstverteidigung

Die Begriffe Kampfkunst, Kampfsport und Selbstverteidigung werden im Allgemeinen häufig nicht deutlich voneinander unterschieden. So entschließn sich beispielsweise junge Menschen, einen Kampfsport zu erlernen, um sich "wehren" zu können, Mädchen werden spezielle Selbstverteidigungskurse empfohlen, um sich "behaupten" zu lernen, und auch bei den verschiedenen Kampfkünsten redet man von Selbstverteidigungssystemen. Diese Herangehensweise führt auch im Aikido häufig zu der Frage, ob eine Aikidotechnik denn "funktioniert". Dahinter steckt der Gedanke, daß eine Technik, die im Training gelernt wird, auch real anwendbar sein soll, man damit also einen Angriff auf der Straße abwehren kann.

Um diese Frage zu klären, muß deutlich zwischen zwei Ebenen unterschieden werden, und zwar zwischen der Übungsform, die auf der Matte geübt wird und dem Handeln in einer realen Situation. Diese Unterscheidung ist wichtig, da beide Ebenen schnell durcheinander geworfen werden. Gerade der Anfänger unterliegt oft dem Irrtum, er würde das, was er im Training lernt, genau so, wie es auf der Matte geübt wird, auch in einer realen Angriffssituation anwenden können. Eine Technik wäre dann jedoch eine Art Trick, mit dem ich mich schützen und verteidigen kann. Um es noch einmal deutlich zu machen: Das was wir auf der Matte üben, ist eine Übungsform, keine in dieser Form real anwendbare Technik. Dennoch ist Aikido eine realistische Form der Selbstverteidigung. Hier scheint ein Widerspruch zu liegen, den man auflösen kann, wenn man genauer formuliert: Durch das Üben von Aikido erlangen wir Fähigkeiten, die es uns erlauben, uns in Bedrohungssituationen so zu verhalten, daß wir uns selbst schützen können. Wie dies möglich ist, möchte ich im Folgendem erklären.

Das Aikidotraining, also das gemeinsame Üben auf der Matte, ist in gewisser Weise mit einer Laborsituation vergleichbar. Die Bedingungen, unter denen eine bestimmte Fragestellung im Labor untersucht werden soll, werden genau festgelegt. Dies ist eine beabsichtigte Einschränkung des Experiments, die es ermöglichen soll, auf eine wohldefinierte Frage auch eine klare Antwort geben zu können. Genau dies geschieht auch auf der Matte: Eine Technik, die wir im Training Üben, ist die Antwort auf einen wohldefinierten Angriff. Wohldefiniert meint hier, daß die Art und Weise des Angriffes klar abgesprochen und festgelegt ist. Der Angriff ist die Fragestellung, um deren Beantwortung wir uns durch das Üben bemühen. Dies heißt aber eben auch, das wir uns beim Üben beschränken. Wenn wir eine Technik Üben, Üben wir die Antwort auf nur eine Frage. Es macht daher keinen Sinn, den Angriff plötzlich abzuändern und zu fragen: "Funktioniert die Technik auch, wenn der Angreifer nicht so, sondern anders angreift?". Es ist klar, daß auf eine geänderte Fragestellung eine andere Antwort gegeben werden muß Damit wird jedoch auch genauso deutlich, daß eine auf einen definierten Angriff folgende Technik, in dieser Form niemals universal anwendbar sein kann. In der Form, in der sie geübt wird, paßt sie eben nur zu diesem einen Angriff. Wird dieser geändert, muß auch die Technik geändert werden.

In dem Aikidotrainig werden unter festgelegten Bedingungen Techniken geübt. Mit anderen Worten, wir üben das Handeln in einer konkret festgelegten Situation. Durch dieses Üben werden Prinzipien gelernt, die uns in die Lage versetzen, auch in der Realität richtig zu handeln. Unter dem Selbstverteidigungsaspekt betrachtet ist dies entscheidender als die einzelne Technik. In einer realen Bedrohungssituation wird sich der Angreifer nämlich mit Sicherheit ganz anders verhalten als ein Partner beim Üben auf der Matte. Deshalb werden die gelernten Techniken auch nicht in genau der Form, in der sie geübt wurden, anwendbar sein.

Die meisten Aikidotechniken sind Übungsformen, die genaugenommen aus mehreren aufeinanderfolgenden Techniken bestehen, und somit eine Handlungsabfolge, bzw. Technikabfolge (Kata) darstellen. Erläutern möchte ich dies am Beispiel der Technik "Sho Men Ushi-Kokyu Nage-Tobi Komi"9: Der Angreifer (Uke) führt einen geraden Schlag zum Kopf des Werfenden (Nage). Dieser weicht dem Schlag zunächst durch zwei Schritte aus und befindet sich danach hinter dem Angreifer. Uke setzt den Angriff fort, indem er sich zu Nage umwendet. Der gibt dieser zweiten Angriffsbewegung durch eine Drehung nach, wobei er seine Hand zum Gesicht des Angreifers führt (Tobi Komi). Nage kontrolliert auf diese Weise das Zentrum von Uke10, was diesen zu Fall bringt bzw. dazu nötigt, sich zurückzuziehen. Beim Üben tut Uke dies durch eine Fallübung.

Diese kurze Beschreibung veranschaulicht die Handlungsabfolge, aus der sich diese Technik zusammensetzt, nämlich einem abgestimmten Aufeinanderfolgen von mehreren Angriffs- und Verteidigungsbewegungen. Zusammengenommen bilden sie die Übungsform (Kata). Diese stellt den Rahmen dar, in dem die einzelnen Elemente der Technik, wie Schritte, Bewegungen und Wurf, geübt werden. Auf diese Weise wird letztendlich viel mehr geübt, als nur eine einzelne "Technik". Im Vordergrund steht jetzt vielmehr das gemeinsame Üben der Form, das Miteinander, das aufeinander Achten und aufeinander Eingehen. Somit ist das bloß Üben von "Techniken" auf eine höhere Ebene gelangt. Auf dieser Ebene bemühen sich beide Partner darum die Form zu verwirklichen. Dies ist entscheidender, als daß der eine den anderen wirft. Die Ausführung ist deshalb auch vielmehr Performance als "Kampf", mehr Miteinander als Gegeneinander11.

Was aber sind die Prinzipien, die in einer Bedrohungssituation anwendbar sind? Entscheidend ist unter diesem Aspekt zunächst die geistige Grundhaltung, die im Training erworben wird: Selbstsicherheit, eine in sich ruhende Gelassenheit und Nicht-Aggressivität. Daneben sind es die Grundelemente der Techniken: Die Bewegungen, die Grundschritte, Hebeltechniken, Grundprinzipien wie "Irimi" und "Tenkan"12 etc. Sie stellen eine allgemeine Reaktions- und Bewegungsschulung dar, die universell anwendbar ist. Wer gelernt hat, sich zu bewegen, der kann sich auch in Bedrohungssituationen richtig bewegen. Außrdem sind diese Elemente frei kombinierbar, d.h. es kann je nach Gegebenheit und Notwendigkeit das passende Prinzip sowie die entsprechende Bewegung bzw. das entsprechende Technikelement angewendet werden.

Damit kommen wir zu einem weiteren, fast noch wichtigeren Punkt, nämlich der Angemessenheit. Von Anfang an wird im Training geübt, auf den Partner zu achten. Durch das erwähnte Miteinander lernt man, nicht blind die eigene Technik "durchzuziehen", sondern genau das zu tun, was in der momentanen Situation angemessen und notwendig ist. Nage übt, auf den Angreifenden zu achten, seine Bewegungen zu spüren und das zu tun, was dazu paßt, was also geeignet ist, um ihn vor dem Angriff zu schützen. Bildlich gesprochen läßt sich das Verhalten von Nage mit Wasser vergleichen, das nicht festgehalten werden kann, weil es alle Hindernisse umspült. Es paßt sich jederzeit den Verhältnissen an13.

Diese Angemessenheit ist meiner Meinung nach für die Selbstverteidigung, also das Verhalten in Bedrohungssituationen, wesentlich nutzbringender als sogenannte Selbstverteidigungstechniken, die einem die Illusion von Stärke verleihen. Denn ein Angriff beginnt selten unvermittelt, z.B. mit einem Faustschlag. Jeder Faustschlag hat eine Vorgeschichte. Es ist unangemessen, sich auf eine verbale Provokation hin gleich handgreiflich zu verteidigen. Wenn eine Situation, und damit letztendlich die Gewalt, nicht eskalieren soll, bleibt nur ein besonnenes, angemessenes Handeln, das mich schützt, ohne selbst ein Angriff zu sein. Wenn mich jemand auf der Straße beleidigt, ist es angemessen, daß ich weggehe. Hält er mich fest, ist es angemessen, daß ich mich losmache, versucht er mich zu schlagen, daß ich ausweiche. Versucht er fortgesetzt mich ernsthaft zu verprügeln, ist es angemessen, daß ich ihn daran hindere, indem ich ihn in die Flucht schlage oder auf dem Boden festlege. Diese Angemessenheit, die sich an dem Verhalten und den tatsächlichen Bewegungen des Angreifers orientiert, ist das Ziel des beschriebenen gemeinsamen Übens der Techniken. Aus diesem Grund ist es auch von Bedeutung, daß stets mit wechselnden Partnern geübt wird, und daß auch Fortgeschrittene immer wieder mit Anfängern üben, die die Bewegungen eben noch nicht beherrschen.

Noch einmal zusammengefasst: Im Aikido wird nicht in erster Linie Verteidigung geübt, sondern angemessenes Handeln. Welche Richtung und Form eine Technik nimmt, wird dabei im wesentlichen von dem Angreifer bestimmt. Nage zwingt ihm keine Bewegung auf. Deshalb ist Nage auch stets flexibel genug, auf eventuelle Richtungsänderungen im Kampfgeschehen einzugehen, weil er nicht darauf fixiert ist, eine begonnene Technik auch zu Ende zu führen und damit zum Funktionieren zu bringen. Wird Aikido also in einer realen Situation angewendet, können die Techniken ganz anders aussehen als auf der Matte. Diese Flexibilität ist das angestrebte Übungsziel.

Zum Abschluß möchte ich noch einmal die zu Beginn genannten Begriffe Selbstverteidigung, Kampfsport und Kampfkunst miteinander vergleichen14. Ein gutes Selbstverteidigungssystem sollte sich an den Notwendigkeiten von realen Angriffssituationen orientieren. Hierbei käme es vor allem auf effektive und leicht erlernbare Techniken an. Diese sollten möglichst realitätsnah geübt werden damit sie mir in einem realen regellosen Kampf zum Sieg verhelfen können15.

In einem Kampfsport steht dagegen nicht der Kampf auf der Straße, sondern der Leistungsvergleich im Turnier im Vordergrund. Derartige Turnier-kämpfe laufen immer nach einem festgelegten Reglement ab. Ziel des Trainings ist es deshalb auch, den jeweiligen Kampfstil so beherrschen zu lernen, daß man unter den Turnierbedingungen erfolgreich ist.

Bei Aikido handelt es sich um eine Kampfkunst. Hier steht nicht das Kräftemessen oder die universale Anwendbarkeit als Selbstverteidigung im Vordergrund, sondern das Üben und Ausführen der Form, die Performance. Dies ist zunächst Selbstzweck. Die Kunst genügt sich selbst. In dieser Kunst wird aber das andere, nämlich das richtige Handeln in realen Bedrohungssituationen, mit geübt. Die Kampfkunst Aikido ist daher gut mit anderen "Künsten" vergleichbar, beispielsweise mit dem Eiskunstlauf: Auch hier geht es um "Techniken" (Sprünge und Schritte), aber zum wirklichen Können werden diese erst in der kunstvoll dargebotenen Kür.

9 Sho Men Ushi: "Gerader Schlag zum Kopf".

Kokyu Nage: "Atemkraftwurf" (ein Wurf ohne besonderen Griff, bzw. Hebel).

Tobi komi: "Hineinspringen"
10 Kontrolle über die zentrale Mittelachse des Angreifers; siehe Kapitel 5, Abschnitt "4. Prinzip" (Kontrolliere das Zentrum ).

11 Den hier beschriebenen Gedanken führt Eugen Herrigel in Bezug auf das japanische Bogenschießn aus: Er beschreibt die Technik des Bogenschießns als Zeremonie, die ihren Sinn und Zweck in sich selbst habe und nicht an äußren Erfolgen (wie dem Treffen der Scheibe) gemessen werden könne. Es komme viel mehr darauf an, diese Zeremonie selbstvergessen, absichtslos zu "tanzen" (E. Herrigel: "Zen in der Kunst des Bogenschießns").

12 Irimi: "Eintreten" (der Angreifer mußausweichen, geht in die Richtung des Werfendenmit).

Tenkan: "Körperdrehung, Wende" (der Werfende weicht dem Angreifenden aus und geht in dessen Bewegungsrichtung mit).

13 Das Bild vom Wasser stammt aus dem "Tao-Te-King" von Lao Tse (Kapitel 78): "Es gibt auf dieser Welt nichts Weicheres und Schwächeres als Wasser. Und doch vermag es die härtesten Felsbrocken zu bewegen und auszuhöhlen". E. Herrigel schreibt, daßman als Urbild für die "sanfte Kunst" der Selbstverteidigung "das ausweichende und doch niemals weiche Wasser ansieht, so daßLao Tse tiefsinnig sagen kann, das rechte Leben gleiche dem Wasser, welches zu allem passend sich allem anpaßt" (E. Herrigel: "Zen in der Kunst des Bogenschießns", Seite 35).

14 Wer sich tiefergehend mit dem Vergleich von Selbstverteidigung, Kampfsport und Kampfkunst sowie deren Nutzen in realen Bedrohungssituationen beschäftigen will, dem sei der Artikel von Joachim Kersten "Schwarzer Gürtel für alle?", in Psychologie Heute, Dezember 1997, Seite 62-67, empfohlen.

15 Vergleiche K.R. Kernspecht: "Vom Zweikampf", Seite 27 ff und Seite 45.



3. Kapitel: Die Harmonie im Aikido

Der Begriff Ai bedeutet Harmonie. Im Aikido wird auf Harmonie stets großr Wert gelegt, Harmonie ist das Ziel, das verwirklicht werden soll: "Aibedeutet wörtlich vereinigen, in Harmonie und mit Ki, der geistigen, kosmischen Kraft, zusammenfügen. Aikido ist der Weg, seinen Geist mit dem der anderen und mit dem Universum in Einklang zu bringen. Dies ist das Gesetz der vollendeten Harmonie"16.

Wenn man von "harmonischen Techniken" im Aikido spricht, darf der Begriff Harmonie jedoch nicht im moralischen Sinne wertend verstanden werden. So wäre es falsch, davon zu sprechen, dem "bösen" Angriff die "gute", weil harmonische Aikidotechnik entgegenzusetzen. Harmonie ist stets wertneutral zu verstehen. Deshalb macht der Begriff der Angemessenheit deutlicher, was gemeint ist. Wie im vorigen Kapitel ausgeführt, wird im Training ein angemessenes Agieren geübt. Nage paßt seine Bewegungen an die des Uke an. Er tut genau das, was angemessen und notwendig ist, um mit der Angriffsbewegung umzugehen. Dabei versucht Nage nicht, Uke seinen Willen in Form einer "funktionierenden" Aikidotechnik aufzuzwingen. Er bewegt sich vielmehr "angepaßt": Nage macht Bewegungen, die zu denen des Uke im komplementären Sinne passen. Auf diese Weise bringt sich Nage in eine sichere, überlegene Position, in der er den Angreifer kontrollieren kann. Aus der so gewonnenen Position der Stärke heraus kann er nun auf einen Gegenangriff, der auf die Zerstörung des Angreifers zielt, verzichten. Dies ist meiner Meinung nach gemeint, wenn Meister Ueshiba von der Liebe im Aikido sprach37.

Ziel der übung der Harmonie ist es, "absichtslos" zu werden. Nur dann ist es möglich, die genau passende Bewegung zu der des Angreifers zu machen. Denn der Aktion des Angreifers darf kein eigenes Wollen oder Begehren entgegengesetzt werden. Ein solches Begehren wäre zum Beispiel das siegen Wollen oder Gedanken der Rache. Eine derartige eigene Absicht nimmt die eigene Aufmerksamkeit gefangen und verhindert so das genaue Spüren der Bewegungen Ukes. "(Eine) schnelle und situationsentsprechende Reaktion ist nur dann möglich, wenn unser Geist nirgends "klebt", absichtslos und unbewegt ist (...). Was wir brauchen, ist diese Ruhe und Absichtslosigkeit. Wenn unser Geist in einer Richtung fixiert ist, wenn er sich bewußt mit den Möglichkeiten, z.B. für einen Angriff, beschäftigt, kann es sein, daß man von einem Angriff vollkommen überrascht wird, eben weil der Geist nicht bereit war, nicht unbelastet"18. Die Aktionen des Nage sollen die Aktionen des Angreifers spiegeln. Nage bewegt sich wie ein Schatten Ukes. Sein Handeln ist aber deshalb nicht lediglich ein Reagieren sondern ein stets passendes Agieren. Denn auch ein Schatten "reagiert" nicht, er handelt zeitgleich. Nage bewegt sich zwar absichtslos, jedoch gibt er die Initiative nie aus der Hand. Im Idealfall greifen die Bewegungen von Uke und Nage ineinander wie zwei Puzzelteile, die ein Ganzes ergeben. Sie sind in diesem Sinne passend und somit harmonisch.

Das Ziel des Übens im Aikido ist somit klar. Wir üben in einer Angriffssituation, uns absichtslos und genau passend zu den Bewegungen des Angreifers zu bewegen. Absichtslos bedeutet, daß nicht die Idee einer Technik unser Handeln bestimmt, sondern die reale Notwendigkeit der jeweiligen Situation: "Alles muß aus dem Hier und Jetztkommen. So bewegt man seinen Körper natürlich, automatisch und unbewußt, ohne persönliches Ich-Bewußtsein. Wenn wir dagegen unser Denken benutzen, werden unser Verhalten und unsere Handlungen langsam und zögernd. Fragen tauchen auf, der Geist ermattet und das Bewußtsein flackert wie eine Flamme im Wind"19. Wir müssen durch ständiges Üben die Techniken so verinnerlichen, daß wir nicht mehr an ihnen "kleben". Auf diese Weise wird es dann möglich, nicht mehr mit Techniken auf einen Angriff zu reagieren, sondern unbewußt, automatisch und natürlich zu agieren. Die drei Worte unbewußt, automatisch und natürlich beschreiben noch einmal sehr gut, was mit "absichtslos" gemeint ist. Natürlich beschreibt dabei das Ideal im Aikido (wie auch in anderen Kampfkünsten), nur solche Bewegungen zu machen, die der Bauweise und Funktion des Körpers entsprechen.

Doch wie ist es möglich, bereits im Training diese Absichtslosigkeit zu üben? Oder wird sie erst durch sture Wiederholung irgendwann erreicht? Ich glaube, daß es wichtig ist, bereits von Anfang an den Gedanken des unbewußten, automatischen und natürlichen Agierens ins Training einzubeziehen. Aber kann man eine Technik "absichtslos" üben? Es ist doch vereinbart, daß eine bestimmte Technik geübt wird, und damit hat man doch die Absicht, sie durchzuführen? Die Bewegungen von Uke und Nage sollen ein geschlossenes System bilden, das sich in Harmonie befindet. Beim Üben wird wie gesagt vereinbart, daß eine bestimmte Technik geübt wird. Dies bedeutet, daß beide, sowohl Nage, als auch Uke die Absicht haben, diese Technik zu üben. Damit verhält es sich in diesem System wie in einer Gleichung: Wenn sich auf beiden Seiten der Gleichung dieselbe Variable befindet, kann sie aus der Gleichung heraus gekürzt werden. Wenn also beide Übungspartner dieselbe Absicht haben, kann diese vernachlässigt werden. Es ist so als ob sie "absichtslos" übten. Dies ist allerdings nur so lange der Fall, wie beide wirklich dieselbe Absicht haben. Sobald beispielsweise Uke die seine ändert, um zu testen, "was passiert, wenn ich anders angreife?", hat Nage nur eine Möglichkeit, die Harmonie in dem Bewegungssystem zu erhalten: Er muß ebenfalls seine Absicht, die vorher vereinbarte Technik zu üben, aufgeben. Sodann kann er sich weiterhin in "harmonischen" Bewegungen üben. Diese werden dann jedoch einer anderen Technik entsprechen. Unter Umständen hat dieses Üben dann sogar eher den Charakter von Randori, dem freien Üben, bei dem keine Techniken, sondern das reine harmonisch Agieren geübt wird. Da diese Übungsform jedoch nur für Fortgeschrittene sinnvoll ist, sollte ein derartiges "Testen"“durch den Übungspartner unterbleiben. Meist führt dies nur zu einem Kräftemessen, das den Zielen des Übens entgegensteht.

16 Worte von Morihei Ueshiba, dem Gründer des Aikido (aus A. Nocquet: "Der Weg des AIKI-DO", Seite23 f).

17 Vergleiche A. Noquet: "Der Weg des AIKI-DO"; Seite 49.

18 Aus A. Pflüger:"Karate 1", Seite 114 f.

19 Aus Taisen Deshimaru-Roshi: "Zen in den Kampfkünsten Japans", Seite 103.



4. Kapitel: Die Einheit von Geist und Körper: Das Ki-Konzept

Unter Ki versteht man in Japan "die Energie, die das Universum erfüllt und antreibt, die Lebenskraft, die die Schöpfung zusammenhält"20. Man könnte es aber auch einfacher mit "mentaler Energie" übersetzen. Nun bin ich mit Sicherheit nicht kompetent, Ki in seinen umfassenden Bedeutungen zu erklären. Deshalb möchte ich diesen Bergriff als "Konzept" begreifen. Dieses "Konzept"“soll dazu helfen, bestimmte Zusammenhänge im Training verständlich zu machen. Die praktische Anwendung des Begriffes Ki und seine Bedeutung für das Training sollen deshalb hier im Vordergrund stehen. Auf diese Weise versuche ich, mich dem Begriff Ki aus meiner westeuropäischen und wissenschaftlich geprägten Sicht zu nähern. Dabei ist mir wohl bewußt, daß diese Annäherung Ki niemals in seiner ganzen historischen Bedeutung und philosophischen Tiefe erfassen kann. Sie soll daher eher ein Beitrag zum Verständnis sein, der den Zugang zu Ki ermöglicht.

Der Mensch ist sowohl ein "geistiges", als auch ein "körperliches" Wesen. Alles was wir tun, alles was uns widerfährt, hat sowohl eine geistige, als auch eine körperliche Komponente. Dies wird anhand von zwei Beispielen leicht verständlich. So hat die Körperhaltung, die wir einnehmen, einen Einfluß auf unsere Psyche und umgekehrt: Wenn man gezwungen ist, in einer unbequemen oder unangenehmen Haltung zu verweilen, fühlt man sich alsbald unwohl. Wenn man ängstlich ist, macht man sich klein. Andersherum kann es helfen, die Angst zu überwinden, wenn man sich bewußt aufrichtet und ruhig atmet. Als zweites Beispiel sei Krankheit erwähnt: Es ist inzwischen allgemein anerkannt, das jede Krankheit sowohl körperliche als auch psychische (also geistige) Aspekte hat, die sich gegenseitig beeinflussen. Wir müssen den Menschen also als ein einheitliches Wesen begreifen, bei dem immer geistige und körperliche Aspekte zusammenwirken. Im Aikido geht es nun darum, alles in Einheit von Körper und Geist zu tun. Körper und Geist sollen in Harmonie sein. Dies ist jedoch nicht unbedingt spirituell gemeint. Ich möchte es hier ganz praktisch verstehen.

Wenn wir davon sprechen, daß wir eine Bewegung mit„"Ki"“machen, meinen wir damit, diese Bewegung soll "energiegeladen" sein. Voraussetzung dafür ist, diese Bewegung in Einheit von Körper und Geist auszuführen. Was aber bedeutet das? Einfach ausgedrückt bedeutet es diese Bewegung konzentriert durchzuführen. Wir lassen uns sowohl körperlich, als auch geistig nicht ablenken, und machen nur diese Bewegung. Dies ist alles andere als selbstverständlich. Wir sind es inzwischen gewohnt, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, und sei es auch nur, daß wir körperlich eine Sache tun, dabei aber an etwas anderes denken. Für einige Menschen ist es sogar geradezu ein Ideal möglichst viele Dinge gleichzeitig tun zu können. Wie dem auch sei, der Konzentration ist dies mit Sicherheit abträglich. Und dies verursacht Ungenauigkeit und Fehler. Wenn wir eine Sache mit Ki "in Einheit von Körper und Geist" tun, darf dies jedoch nicht in falsch verstandener Weise vor lauter Konzentration zur Verkrampfung führen. Gemeint ist hier vielmehr ein Aufgehen in einer Tätigkeit.

Als Extremzustand wird dies als "Flow", ein"sich verlieren" in einer Tätigkeit beschrieben. Dabei existiert dann nichts anderes mehr, als eben nur diese momentane Tätigkeit, alle Sinne, alle Kräfte und Bewegungen sind nur darauf konzentriert und arbeiten gemeinsam an dieser einen "Aufgabe". Dies wird vor allem im Sport beschrieben, z.B. beim Laufen oder beim Freiklettern. Jedoch findet man ähnliche Beschreibungen auch in der Kampfkunstliteratur. Hier zum Vergleich zwei Zitate: Das erste stammt von Wolfgang Güllich, einem der ehemals weltbesten Freikletterer. Er beschreibt hier seine ungesicherte Durchsteigung (also ohne Seil!) eines sechs Meter über einen Abgrund hinausragenden Felsdaches (ein waagerechter Überhang) in zweihundert Meter Höhe: "Das waagerechte Sechs-Meter-Dach "Separate Reality" ist für mich zu einem Symbol der Freikletterkunst geworden; und im seilfreien Alleingang würde die sportliche Leistung nicht nur artistisch, nein, sie würde Körper und Geist vereinen, gemäß der Idealvorstellung von einer Höchstleistung. Die Nervenrezeptoren sind aktiviert, in nie vorher gekannten Maß sensibilisiert die totale Konzentration! (...) Die Systematik des Erfolges ist hier die Reduktion auf das absolut Wesentliche, auf das Heben und Verankern der Beine, auf Körperspannung und Nachgreifen. Erst nach dem Durchstützen auf das Gipfelplateau weicht die ungeheure Belastung einem befreienden Schrei. Ein ungeheures Glücksgefühl läßt jede Spannung abfallen und ich habe den Eindruck, daß es kein Hazardspiel war mit dem Leben, sondern subjektiv ungefährlich. Ich sitze in der Sonne auf dem flachen Gipfelplateau - die "andere Wirklichkeit" ist Vergangenheit geworden, und der Gedanke an den Tod erst lehrt uns das Leben schätzen"21.

Das zweite Zitat stammt von Meister Takuan, einem bedeutenden japanischen Zen-Meister aus dem siebzehnten Jahrhundert. Takuan schreibt in einem Brief an einen Schwertmeister, in dem er sich mit der Kunst des Schwertfechtens auseinandersetzt: "Ort des Verweilens meint den Ort, wo der Geist anhält. (...) Verweilen bedeutet anhalten, und anhalten besagt, daß der Geist von etwas, von irgendeiner Sache, angehalten oder festgehalten wird. (...) Wenn Euer Geist (...) in irgendeiner Weise abgelenkt wird, so stockt Euer Handeln, und das kann bedeuten, daß Ihr erschlagen werdet. (...) Wenn zehn Männer mit Schwertern um sich hauend auf Euch losgehen und Ihr jedes Schwert pariert, ohne den Geist bei irgendeiner Aktion verweilen zu lassen, wenn Ihr so von einem zum nächsten geht, wird es Euch für jeden einzelnen der Zehn nicht am richtigen Handeln mangeln. (...) Macht jedoch euer Geist halt vor einem dieser zehn Männer, so mögt Ihr wohl seinen Streich noch parieren, doch wenn der Nächste kommt, ist das richtige Handeln Euch entglitten"22.

Sicherlich, diese beiden Zitate beschreiben Extremsituationen, in denen es um Leben und Tod geht. Aber aus der darin beschriebenen "Einheit von Körper und Geist" läßt sich einiges lernen. Das erste Zitat beschreibt das Zusammenspiel der Muskeln zur exakten Bewegung, gepaart mit der totalen Konzentration des Geistes, also der Wahrnehmung und des Willens. Alles ist nur auf die notwendige Bewegung ausgerichtet, es gibt keine widersprüchlichen oder gegenläufigen Tendenzen in Geist und Körper. Eine solche "gegenläufige Tendenz"" könnte ein Bewegungsfehler oder auch, viel schlimmer, ein Zweifeln oder eine lähmende Angst sein. Güllich schreibt dazu: "Jetzt gibt es sie nicht mehr, die lähmende Angst, die noch vor einigen Wochen schon beim bloßen Gedanken daran jede Bewegung einfror (...). Doch die zwingende Notwendigkeit, nun alles perfekt machen zu müssen, kann verkrampfen, die Präzision der Kletterbewegungen verschlechtern, ökonomisches Klettern verhindern. (...) Es ist eine schwere Bürde, "lebens"wichtige Verantwortung mit der erforderlichen Gelassenheit zu tragen; es ist nur durch eine außrordentliche Konzentration möglich"23. Eben diese erforderliche Gelassenheit beschreibt Takuan: Zwar ist eine Konzentration notwendig die Körper und Geist in der präzisen Bewegung vereinigt, aber gleichzeitig darf der Geist von nichts gefangengenommen werden. Dies würde zur Verkrampfung führen und das richtige Handeln würde stocken.

Voraussetzung für die Einheit von Körper und Geist ist demnach eine freie Gelassenheit des Geistes. Diese beinhaltet auch eine hohe Achtsamkeit, die sowohl auf meine Bewegung, als auch auf meine Umgebung hin ausgerichtet ist: Eine Wahrnehmungsfähigkeit, die sich von nichts einfangen und somit nicht ablenken läßt. Dies wiederum ist die Voraussetzung für eine konzentrierte und korrekte Bewegung. Eine konzentrierte Bewegung meint hier eine widerspruchsfreie Bewegung. Körper und Geist arbeiten zusammen: Sowohl Absicht und Konzentration, als auch die körperliche Bewegung sind auf das selbe Ziel hin ausgerichtet, ohne daß darunter die Achtsamkeit gegenüber der Umgebung nachläßt. Auf diese Weise können meine Aktionen und Bewegungen "energiegeladen" sein, kann ich sie mit "Ki" ausführen.

Trotz allem klingt dies wahrscheinlich immer noch sehr abstrakt und theoretisch. Und da wir uns selten in lebensbedrohlichen Situationen befinden, möchte ich im folgenden noch einige einfache praktische Bespiele aus dem alltäglichen Training anfügen, um das gesagte daran zuerläutern.

Wenn ich einen Schritt nach vorne mache, kann das sehr unterschiedlich aussehen: Wenn ich mir beispielsweise unsicher bin, ob ich wirklich vorwärts gehen möchte oder nicht doch lieber rückwärts, wird der Schritt unsicher sein. Meine Vorwärtsbewegung wäre leicht zu stoppen. Ähnlich wird es sich verhalten, wenn ich abgelenkt bin und meine Aufmerksamkeit bei irgend einem Gegenstand oder einer Person hinter mir ist. Dies alles führt nämlich dazu, daß meine körperliche Bewegung ungenau wird. Der Zwiespalt in meinem Geist setzt sich in meinem Körper fort. Deshalb ist es für jedermann ein Leichtes, mich aufzuhalten und zurückzudrängen, da sich bereits in meiner körperlichen Bewegung rückwärtige Tendenzen wie unbewußte Muskelspannungen oder Bewegungen befinden. Ich helfe also demjenigen, der meinen Vorwärtsschritt verhindert, unbewußt dabei. Einen Vorwärtsschritt in Einheit von Körper und Geist zu machen, heißt nun, daß meine Bewegungsrichtung eindeutig ist: Meine Absicht, meine Konzentration und meine körperliche Bewegung gehen nach vorne. Bei einem derart ausgeführten Schritt werde ich deshalb auch wesentlich schwerer aufzuhalten sein24.

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Stehen. Wenn jemand versucht, mich hochzuheben, kann ich mich von dieser seiner Aktion ablenken lassen. Vielleicht denke ich nur: "Huch, der will mich hochheben", aber dies genügt bereits, damit ich ihm unbewußt körperlich helfe und er mich so tatsächlich leicht hochheben kann. Es reicht schon aus, die eigene Aufmerksamkeit nach oben zu richten, um diesen Effekt zu erzeugen. Wenn ich mich dagegen nicht ablenken lasse, sondern einfach entspannt weiter dastehe, vielleicht sogar meine Aufmerksamkeit nach unten richte, wird er mich nur schwer anheben können. Dies liegt daran, daß ich ihm mit keiner Gewichtsverlagerung und keinem Muskel meinerseits helfe, und er so mein gesamtes Gewicht "zu tragen" bekommt.

Im Training üben wir alle Bewegungen und Aktionen konzentriert und bewußt zu machen, ohne uns dabei ablenken zu lassen. Die geistigen und die körperlichen Komponenten sollen zu einer einheitlichen Aktion verschmelzen. Dies ist damit gemeint, eine Bewegung mit "Ki" zu machen. Es muß jedoch noch eine weitere Voraussetzung dafür genannt werden, damit eine Bewegung möglichst "stark" im Sinne von "energiegeladen" sein kann. Teilweise ist diese bereits angeklungen. Wir wollen sie uns jetzt jedoch noch einmal genauer ansehen: Die Bewegung muß locker und unverkrampft, mit anderen Worten entspannt, sein. Aber wie kommt es, daß eine entspannte Bewegung stärker ist als eine Bewegung, bei der bewußt viel Muskelkraft eingesetzt wird? Ich möchte versuchen, mich einer Erklärung über die Übung des "unbeugsamen Armes" zu nähern25: Person A streckt seinen Arm aus, und eine zweite Person B versucht, ihn in Richtung der Schulter zu beugen. Wenn A dies mit bewußter Kraftanstrengung zu verhindern sucht, wird es B, so er stark genug ist, dennoch relativ leicht gelingen. Entspannt sich A jedoch und stellt sich vor, sein Arm wäre ein Schlauch, durch den Wasser oder Energie durch die Fingerspitzen hinaus schießt, wird das Beugen B wesentlich schwerer fallen, wenn nicht gar unmöglich sein. Koretoshi Maruyama erklärt dies damit, daß "mentale Energie" durch die Fingerspitzen hinaus fließt. Dies bezeichnet er als "ausgedehntes Ki". Er sagt weiter, daß ein einziger Gedanke eine ungeheure Kraft entstehen lassen kann26. Dies ist mit Sicherheit richtig, wie unsere bisherigen Betrachtungen zeigen. Was aber können wir physiologisch unter der "mentalen Energie" verstehen?

Stellen wir zunächst eine einfache Überlegung an. Wenn ich einen Arm ausstrecke, werde ich wesentlich länger in dieser Haltung verweilen können, wenn ich entspannt bin. Spanne ich jedoch zusätzlich bewußt meine Armmuskeln an, wird mein Arm auch schneller erlahmen.

Ein Muskel besteht aus vielen Muskelfasern. Die einzelnen Muskelfasern können wiederum in unterschiedliche Typen unterteilt werden27. Zur Aufrechterhaltung der Körperstellung dienen vor allem Fasern, die für eine langsame Kontraktion spezialisiert sind. Sie ermüden nur langsam und können ihre Spannung (den Muskeltonus) lange aufrechterhalten. Für die Bewegungen sind dagegen meist solche Muskelfasern verantwortlich, die für eine phasische (Zuckungs-) Kontraktion spezialisiert sind. Diese Fasern sind sehr kräftig, ermüden jedoch auch schneller. Schon alleine diese Betrachtung kann uns eine Idee davon geben, warum es leichter fällt mit einem entspannten Arm dem Versuch, ihn zu beugen, zu widerstehen, als mit bewußter Kraftanstrengung. Ich erschöpfe meine Kraft einfach schneller. Stellen wir jedoch noch eine weitere Überlegung an: Auch der "entspannt" gehaltene Arm ist nicht schlaff. In den Armmuskeln herrscht genau die Spannung (Tonus) die nötig ist, um diese Stellung aufrecht zuerhalten28. Dies geschieht unbewußt als ein Reflex, ich brauche mich nicht bewußt dafür "anzustrengen". Durch die Vorstellung, mein Arm ist aufgrund einer durch ihn hindurchfließnden Energie unbeugsam, und die Konzentration auf diese "Energie" lasse ich mich von dem Versuch, meinen Arm zu beugen, nicht ablenken. Es ist mir durch diese Art des "Visualisierens", der bildhaften Vorstellung eines nicht bewußt wahrnehmbaren inneren Vorganges möglich, weiterhin den unbewußten Körperhaltungsreflex aufrecht zu erhalten und nicht durch eine bewußte (Gegen-)Bewegung zu ersetzen. So kann mein Nervensystem genau die notwendige Muskelspannung hervorrufen, ohne daßdabei Kraft "verschwendet" wird.

Wenn wir also davon sprechen, eine Bewegung bzw. eine Stellung "entspannt und mit Ki" zu machen, meinen wir damit, wir nutzen genau die notwendige Muskelspannung (bzw. Muskelkontraktion), die hierfür notwendig ist, ohne durch bewußte Kraftanstrengung uns unnütz zu erschöpfen. Dies entspricht auch dem oben beschriebenen Prinzip der Einheit von Körper und Geist, bei dem wir gesehen haben, daß Ablenkung zu Verkrampfen oder zu Fehlern führen kann29. Aber hier noch ein weiteres Beispiel, um das eben Gesagte zu veranschaulichen: Bestimmt hat jeder schon einmal folgende Erfahrung gemacht: Wenn man einen schweren Gegenstand anhebt und zu halten versucht, wird dies um so länger möglich sein, wenn man dies in einer aufrechten Haltung möglichst entspannt, mit einer ruhigen tiefen Atmung tut, ohne die Muskeln unnötig anzuspannen und sich dabei womöglich zu verkrampfen.

Im Training üben wir demnach nicht, eine maximale Muskelkraft zu entwickeln, sondern möglichst nur die gerade notwendige Kraft zu verwenden, die wir unbewußt durch unsere konzentrierte, nicht abgelenkte Bewegung aufbringen. Dafür ist noch ein letzter Gedanke hilfreich: Jeder Bewegungsmuskel hat einen Gegenspieler (Antagonist). So sind beispielsweise Beuge- und Streckmuskeln Antagonisten. Wird der eine Muskel kontrahiert (zusammengezogen), wird sein Antagonist notwendigerweise gehemmt, d.h. er erschlafft. Dies ist notwendig, damit eine Bewegung überhaupt möglich ist. Anders formuliert kann man daher auch sagen, wenn wir uns an einer Stelle stark machen, machen wir uns notwendigerweise an einer anderen Stelle schwach. Genau diese Schwäche kann ein Gegner ausnutzen (und auch im Aikido basieren viele Techniken auf eben einem solchen Ausnutzen). Aus diesem Grund verbietet es sich folglich, eine Bewegung mit bewußter Kraftanstrengung zu machen, denn je "kräftiger" eine Bewegung ist, desto größr ist auch die Blöß, die ich mir dadurch gebe. Deshalb ist "kräftig" eben auch nicht gleichbedeutend mit "stark". Wir üben jedoch um stark zu werden.

Zum Abschluß dieses Kapitels möchte ich das "Ki-Konzept" noch einmal zusammenfassen. Wir üben, unsere Bewegungen und Aktionen in Einheit von Geist und Körper zu machen. Dies bedeutet, daß Absicht und Konzentration sowie die Bewegung zu einer einheitlichen, widerspruchsfreien Aktion verschmelzen. Wir verweilen dabei in einer freien Gelassenheit, einer Achtsamkeit, die sowohl auf uns als auch auf unsere Umgebung gerichtet ist, ohne daß sie sich von irgend etwas gefangen nehmen und damit ablenken lässt. Unsere Körperhaltung und unsere Bewegungen sind energiegeladen. Sie sind entspannt, ohne dabei schlaff zu sein. Das heißt, wir üben ohne bewußte Kraftanstrengung immer genau die richtige und notwendige Muskelspannung und Kraft zu verwenden, die die jeweilige Situation erfordert. Der Effekt einer in diesem Sinne "ganzheitlich" ausgeführten Bewegung ist viel größr, als eine, die lediglich mit antrainierter bewußter Muskelkraft ausgeführt wird.

20 Diese Definition stammt von John Stevens: Fußnote in "Budo. Das Lehrbuch des Gründers des AIKIDO" von Morihei Ueshiba, Seite 32).

21 Aus T. Hepp: "Wolfgang Güllich. Leben in der Senkrechten", Seite 83.

22 Aus Meister Takuan: "Zen in der Kunst des kampflosen Kampfes“, Seite 19 ff.

23 Aus T. Hepp: "Wolfgang Güllich. Leben in der Senkrechten", Seite 83.

24 Es kommt in einigen Aikidotechniken jedoch auch vor, daß der Werfende einen Schritt rückwärts macht, sein "Ki" jedoch nach vorne, auf den Angreifer gerichtet ist. Dies ist wichtig, um zu verhindern, daß dieser ihn "umrennt", wenn er ihm folgt. Eine derartige Bewegung, bei der zwar der Schritt nach hinten, die Aufmerksamkeit und Stärke jedoch nach vorne gerichtet ist, kann ebenfalls eine "widerspruchsfreie Bewegung" sein, ist als solche jedoch schwerer zu erlernen.

25 Vergleiche Koretoshi Maruyama: "Aikido with Ki", Seite 17.

26 Vergleiche Koretoshi Maruyama: "Aikido with Ki", Seite 18.

27 Vergleiche R. Eckert: "Tierphysiologie“" S.327 f.

28 Vergleiche H.-J. v. Brandis / W. Schönberger: "Anatomie und Physiologie", Seite 85.

29 Zur Erklärung der "Einheit von Körper und Geist" auf der Grundlage des Nervensystems sowie des Einflußes der Körperhaltung auf das nicht willentlich beeinflußbare autonome Nervensystem, vergleiche Taisen Deshimaru-Roshi: "Zen in den Kampfkünsten Japans", Seite 159 ff.



5. Kapitel: Die Fünf Prinzipien

Meister Koichi Tohei hat für das von ihm entwickelte Shin-Shin Toitsu Aikido30 fünf Prinzipien aufgestellt31. Diese möchte ich im folgenden in Hinblick auf Bedrohungßsituationen interpretieren. Ich tue dies, weil ich der Überzeugung bin, daß diese Prinzipien nicht nur für die Schulung des eigenen Körpers und Geistes beim Üben von Aikido von Bedeutung sind. Sie stellen darüber hinaus auch einen guten Leitfaden in Konfliktsituationen dar und sind auch in einer gewalttätigen Auseinandersetzung (Kampf) anwendbar. Ziel ist es dabei nicht, zu siegen, sondern den Konflikt, den Kampf, möglichst gewaltfrei zu beenden.

1. Prinzip: Ki ausdehnen (Extend Ki)

Sein Ki auszudehnen bedeutet, "sich mit Energie zu füllen". Praktisch verstanden bedeutet dies unter anderem vor allem auch, aufmerksam und achtsam zu sein, seine Umgebung bewußt wahrzunehmen und alle Aktionen in Einheit von Körper und Geist auszuführen (siehe Kapitel 4). Man soll in einer "aktiven Haltung" verweilen: Gerade in Bedrohungssituationen ist es von großr Wichtigkeit, sich nicht in eine passive und damit in die Opferrolle hineindrängen zu lassen. Es ist außerordentlich gefährlich, abzuwarten, was derjenige, der mich bedroht, tut. Wenn man ihm die Initiative überläßt, wird man zu seinem Spielball. Er kann frei entscheiden ob er angreift, wann und wie er angreift, er kann einen Angriff antäuschen, usw. Der Verteidiger ist dann zum Reagieren gezwungen. Dabei ist es außerordentlich schwierig, einen schnellen und gekonnt ausgeführten Angriff aus naher Distanz abzuwehren. Für jemanden, der dies nicht jahrelang geübt hat, ist es nahezu unmöglich. Denn normalerweise ist die Zeit einfach zu lang, die der Verteidiger braucht, um den Angriff zu erkennen und darauf sicher zu reagieren32.

Ein weiterer Teil des ersten Prinzips läßt sich also folgendermaßen ausdrücken: Agieren, nicht reagieren! Dies bedeutet allerdings nicht, selbst anzugreifen. Es bedeutet vielmehr, seinen individuellen Raum zu behaupten. Mit dem individuellen Raum ist einerseits der räumliche Abstand gemeint, den andere Menschen einhalten müssen, damit ich mich sicher und wohl fühle. Andererseits ist aber auch mein Handlungspielraum gemeint, den ich nicht einschränken lassen sollte. Kommt mir jemand zu nahe, körperlich oder im übertragenen Sinne, dringt er in meinen individuellen Raum ein. Lasse ich dies passiv geschehen, bedeutet dies, daß mein Gegenüber seinen Raum auf meine Kosten erweitert.

Agieren im Sinne des ersten Prinzips bedeutet nun, daß ich dies überhaupt wahrnehme (Achtsamkeit!). Sodann bedeutet es, dies nicht einfach hinzunehmen, sondern aktiv damit umzugehen33: Ich kann den für mich richtigen Abstand wieder herstellen, indem ich entweder selbst "auf Abstand gehe". Ich sollte mich aber bitte nicht nur passiv zurückdrängen lassen. Selbst eine Flucht sollte eine aktive Aktion sein, für die ich mich bewußt entscheide. Die Flucht sollte meinen "Spielraum" wieder herstellen und nicht einschränken. Ich kann aber auch mein Gegenüber zurückdrängen, also sein Eindringen "abwehren". Dies kann durch Worte, Körperhaltung oder, wenn er "handgreiflich" wird, notfalls auch körperlich geschehen.

Wer mir (zu) nahe kommt, begibt sich damit in meinen "Einflußbereich", und ich gehe mit ihm um. Das heißt, derjenige muß auf mich reagieren, ich behalte die Initiative. Wenn ich die Richtung einer Auseinandersetzung bestimme, kann ich eine Eskalation besser verhindern. Selbst wenn sich ein körperlicher Angriff nicht mehr verhindern läßt, habe ich größre Chancen, wenn ich die Initiative behalte, selbst aktiv etwas tue, z.B. dem Angreifer meine Hand entgegenstrecke. Denn jetzt muß sich dieser mit der Hand auseinandersetzen, sie beispielsweise ergreifen, sie wegschlagen oder umgehen. Auf diese Bewegungen kann ich nun wiederum nach dem bereits erläuterten Prinzip der Harmonie eingehen (siehe Kapitel 3).

"Ki ausdehnen" hat viel mit Selbstbewußtsein zu tun. Wenn ich mit "Energie gefüllt" bin, in diesem Sinne ein "energisches"“Auftreten habe, kann ich mit Konfliktsituationen ganz anders umgehen. Ziel des Übens soll es sein, "ein starkes Ki zu entwickeln". Dies bedeutet, sensibel, achtsam und innerlich stark und ruhig zu werden, um in allen Situationen frei handeln zu können. Je stärker ich innerlich bin, desto weniger "äußre" Kraft muß ich anwenden: Der größe Sieg ist der, der ohne Kampf errungen wird34.

2. Prinzip: Erkenne die Absicht deines Gegeners ( Know your opponent´s mind)

Es ist leicht einzusehen, daß es wesentlich einfacher ist, mit einem Gegner richtig umzugehen, wenn ich seine Absicht kenne. Wie ist dies aber möglich? Durch langes und intensives Training kann man eine Sensibilität und Feinfühligkeit entwickeln, die einem die Fähigkeit verleiht, aufgrund winziger Hinweise einen Angriff unbewußt zu erkennen und einzuschätzen. Auf diese Weise kann man die Absicht des Gegners quasi vorausahnen35. Dies ist jedoch sehr schwer und bedarf tatsächlich außrordentlicher Fähigkeiten und Übung. Bevor ich also diese Meisterschaft erreicht habe, muß ich mir anders helfen. Dies muß ich auf zwei Ebenen tun. Zunächst werde ich die Absicht meines Gegenübers besser erkennen können, wenn ich, wie im ersten Prinzip beschrieben, nicht die Initiative aus der Hand gebe. Je mehr ich die Führung in einer Situation übernehme und mein Gegenüber auf mich reagiert, desto besser werde ich ihn auch einschätzen können. Ich lasse ihm durch meine Initiative weniger Wahlmöglichkeiten für sein Handeln.

Die zweite Ebene ist die der Bewegung. Habe ich körperlichen Kontakt mit dem Gegner, muß ich mich stets entspannt und weich bewegen, so daß ich die Bewegung und die Bewegungsrichtung meines Gegners spüren kann. Je mehr körperliche Kraft ich einsetze, je mehr ich mich selbst durchsetzen will, desto schwerer wird es, die Bewegung des Anderen zu spüren. Hier zeigt sich deutlich eine Gefahr: Zwar soll ich stets die Initiative behalten, ich darf mich jedoch nicht auf Kosten meines Gegenübers durchsetzen wollen. Versuche ich dies, beispielsweise indem ich ihm eine Bewegung aufzuzwingen versuche, entsteht Konfrontation und Kampf. Einen Kampf gewinnt meist der Stärkere. Wenn ich angegriffen werde, sollte ich aber damit rechnen, daß ich der Schwächere bin. Denn wenn mein Gegner nicht den Eindruck hätte, daß er eine reale Chance gegen mich hätte, würde er höchstwahrscheinlich gar nicht erst angreifen. Folglich sollte ich ein offenes Kräftemessen tunlichst vermeiden. Deshalb wird im Aikido das Prinzip der Harmonie angewendet, demzufolge ich mich absichtslos und genau passend zu meinem Gegner bewege. Um dies tun zu können, ist es notwendig, die Absicht, also die Bewegung und die Bewegungsrichtung des Anderen zu spüren.

3. Prinzip: Akzeptiere die Absicht deines Gegners (Respect your opponent’s Ki)

Die letzten Gedanken führen uns automatisch zu dem nächsten Prinzip. Um Konfrontation und einen Kräfte messenden Kampf mit dem Gegenüber zu vermeiden, sondern stattdessen harmonisch agieren zu können, ist die eigene Einstellung von großr Bedeutung: Ich muß meinen Gegner achten und das, was er tut, akzeptieren. Dies ist eine Grundhaltung im Aikido und die Voraussetzung dafür, einen Kampf zu vermeiden bzw. zu beenden. Im Aikido wollen wir nicht kämpfen! Deshalb lassen wir uns auch nicht provozieren. Wenn der Andere uns beschimpfen will, braucht uns das nicht zu stören. Außrdem ist die Achtung, die ich einem Gegner entgegenbringe, die Voraussetzung dafür, daß er von seiner feindlichen Absicht ablassen kann. Denn ich hebe die Konfrontation von mir aus auf und vermeide so, meinem Gegenüber weiteren Anlaß für Feindseligkeiten zu geben. Mich wird nur derjenige achten und akzeptieren, den auch ich achte und akzeptiere. Wenn ich die nötige "Stärke" dafür habe, kann ich es mir auch "leisten", diesbezüglich von mir aus den ersten Schritt zu tun.

Auf der körperlichen Ebene bedeutet das 3. Prinzip, einer Angriffsbewegung keinen Widerstand entgegen zu setzen. Dies wäre, gehen wir weiterhin davon aus, daß der Gegner stärker ist, auch sinnlos. Ich nehme seine Bewegung vielmehr auf und "arbeite" damit: Nach dem alten Budoprinzip, wonach das Weiche das Harte besiegt, gebe ich dem Gegner nach, um mir seine Bewegung und Kraft zu nutze zu machen. Dies kann bedeuten, daß ich eine Lücke bei ihm ausnutze und "direkt eintrete" (Irimi), ihm also beispielsweise einen direkten Schlag (Atemi) versetze, bzw. diesen andeute. Geschieht dies überzeugend genug, kann die Wirkung sogar größr sein, als wenn ich den Schlag tatsächlich ausführen würde. Mit der Bewegung des Angreifers zu arbeiten, kann aber auch genau so gut bedeuten, daß ich ausweiche und seine Bewegung weiter führe (Tenkan). Entscheidend ist jedoch, daß ich nicht den Kampf oder Sieg suche und dadurch meine Achtsamkeit und Flexibilität verliere. Dazu kann es helfen, wenn ich mir angewöhne, einem Gegner stets mit der größtmöglichen Achtung und Akzeptanz gegenüber zu treten. Denn eine demonstrierte selbstsichere Stärke, die darauf verzichtet, den Gegner zu verletzen (weil ich ihn achte!) kann mehr bewirken, als ein schwacher, halbherzig ausgeführter Schlag, der den Gegner nur noch wütender macht.

4. Prinzip: Versetze dich an die Stelle deines Gegners (Put yourself in the place of your opponent)

Auch dieses Prinzip hat eine geistige und eine körperliche Seite. Auf der geistigen Ebene drückt es wiederum die oben beschriebene Grundhaltung im Aikido aus: Es ist unsinnig sich zu bekämpfen, man solltestattdessen versuchen sein Gegenüber zu verstehen und sich in seine Lage zu versetzen. Viele Kämpfe lassen sich allein dadurch verhindern. Eine solche Einfühlsamkeit hilft mir aber auch, genau zu beobachten und so den anderen besser einzuschätzen. So kann ich besser abschätzen, wie groß die Gefahr eines körperlichen Angriffes ist (2. Prinzip) und mich entsprechend verhalten.

Im Falle eines Angriffes hat das 4. Prinzip aber auch sehr wichtige körperliche Bedeutungen: Ich muß die Stelle einnehmen, die mein Gegner besetzt. Mein Gegner wird zuerst angreifen, da ich auf einen Angriff meinerseits verzichte. Weil er sich zuerst bewegt, bin ich normalerweise schon allein dadurch in der Defensive. Dies soll im Aikido aber vermieden werden. Aus diesem Grund ist es entscheidend, mich durch meine Bewegung zum Zentrum des Geschehens zu machen: Ich werde das Zentrum unserer gemeinsamen Bewegung und bringe mein Gegenüber auf eine "Umlaufbahn". Dies kann, wie oben bereits erwähnt, durch die Prinzipien Irimi oder Tenkan geschehen. Man kann dieses Prinzip auch mit den Worten "kontrolliere das Zentrum" ausdrücken. Dabei tritt ein weiterer Aspekt hervor: Ich muß stets mein eigenes sowie das Zentrum meines Gegners kontrollieren. Dies bedeutet, daß ich meineeigene zentrale Mittelachse schütze und die seine im Blick und unter Kontrolle habe. Die zentrale Mittelachse eines Menschen ist die Linie vom Scheitel, über Nasen- und Kinnspitze, Kehlkopf, Solarplexus, Magen und Körperschwerpunkt im Unterbauch, zu den Genitalien. Schon diese Aufzählung zeigt, wie viele sehr empfindliche Stellen auf dieser Achse liegen. Deshalb ist es wichtig, diese zu schützen. Kontrolliere ich andererseits diese Punkte bei meinem Gegner, kontrolliere ich ihn36. Aber mehr noch, ich kann seine Bewegungen besser erkennen und sicherer darauf eingehen, wenn ich seine Mittelachse im Blick habe. Denn wenn ich mich auf die Hand konzentriere, mit der er momentan angreift, bin ich anfällig für Täuschungen. Ich laufe Gefahr, auf eine Finte hereinzufallen, da ich nicht mehr sehe, ob der eigentliche Angriff vielleicht mit der anderen Hand erfolgt. Deshalb: Im Falle einer Angriffsbewegung muß ich meinen Gegner umgehend unter Kontrolle bringen, indem ich sein Zentrum unter Kontrolle bringe und mich selbst zum Zentrum der Bewegung mache.

5. Prinzip: Führe mit Vertrauen (Perform with confidence)

Dieses Prinzip faßt noch einmal viele der bereits genannten Gedanken zusammen: Ich übernehme die Führung in einem Konflikt bzw. einer körperlichen Auseinandersetzung. Dafür brauche ich Selbstvertrauen und eine Position der Stärke. Außrdem wird hier noch einmal die "friedliche" Grundhaltung im Aikido zum Ausdruck gebracht: Es ist nicht davon die Rede, den Gegner zu werfen oder zu schlagen, sondern zu führen. Dies drückt eher ein Miteinander als ein Gegeneinander aus. Durch meine akzeptierende, den Gegner achtende Haltung, kann dieser das Vertrauen fassen, seine feindliche Haltung ebenfalls aufzugeben und die Auseinandersetzung mit mir zu beenden.

Lao Tse schreibt im Tao-Te-King: Ein guter Soldat sucht die Gewalt nicht; ein guter Kämpfer wird nicht wütend; ein guter Sieger rächt sich nicht; ein guter Arbeitgeber bleibt bescheiden. Das ist die Tugend des Nicht Streitens; das heißt: die Kunst, andere zu führen; das heißt: mit dem Himmel im Einklang sein."37

30 Shin-Shin Toitsu Aikido: Aikido in Einheit von Geist und Körper.

31 Vergleiche Koretoshi Maruyama: "Aikido with Ki", Seite 52 f.

32 Nach K.R. Kernspecht braucht ein geübter Angriff aus der Nahdistanz ca. 0,15 Sekunden, die Abwehr mit Hilfe eines Blocks dagegen zwischen 0,25 und 0,9 Sekunden. Vergleiche K.R. Kernspecht: "Vom Zweikampf", Seite 14 ff.

33 Vergleiche zu dem Thema "Wahrnehmen und Verteidigen der eigenen Grenzen" die Kapitel "Das erste Prinzip der Selbstverteidigung: Die eigenen Grenzen wahrnehmen" und "Das dritte Prinzip der Selbstverteidigung: Die eigenen Grenzen verteidigen" des überhaupt sehr empfehlenswerten Buches von Ulrike Herle: "Selbstverteidigung beginnt im Kopf", Seite27 ff und 77 ff.

34 Terrence Webster-Dolye zitiert in seinem Buch "Karate. Die Kunst des leeren Selbst" (Seite 11) Ginchin Funakoshi, den Begründer des Shotokan Karate: "Den Feind kampflos zu besiegen, das ist die höchste Kunst" und schreibt weiter (Seite 13), die Kunst des Karate befasse sich damit, "Gewalt zu verstehen, den Feind kampflos zu besiegen, um dadurch Mittel und Wege zu finden, über Konflikte hinauszugehen".

35 Von Meister Ueshiba, dem Gründer des Aikido, wird berichtet, daß er einen Marineoffizier, der auch ein Kendo-Meister war, besiegte, "ohne eigentlich mit ihm gekämpft zu haben, da er jeweils vorher fühlen konnte, wohin das Holzschwert des Offiziers als nächstes schlagen würde" (M. Ueshiba: "Budo", Seite 13). In diesem Kampf trat Ueshiba unbewaffnet an und wich den Schlägen und Stößen des Angreifers solange aus, bis dieser aufgab (vergleiche J. Stevens: "Unendlicher Friede", Seite 74).

36 Vergleiche hierzu K.R. Kernspecht: "Vom Zweikampf", Seite 110. Kernspecht beschreibt die zentrale Mittelachse als "vertikale Mittellinie", die es bei sich selbst zu schützen und beim Gegner anzugreifen gilt.

37 Lao Tse: "Tao-Te-King", Kapitel 68.



Zusammenfassung

Abschließend möchte ich versuchen, einige Grundgedanken aus dieser Arbeit in Form von "Merksätzen" zusammenzufassen:
=> Ziel ist es, ein stabiles Zentrum, eine starke, in sich ruhende Mitte zu entwickeln: Schau auf dich selbst, und nicht darauf, welchen Effekt du bei anderen erreichst.
=> Sei achtsam und aufmerksam.
=> übe Dich in der Absichtlosigkeit: Aktionen und Bewegungen sollen unbewußt, automatisch und natürlich sein.
=> Bewege Dich entspannt und "energiegeladen".
=> Achte und akzeptiere deinen Gegner.
Behalte die Initiative; agieren, nicht reagieren.
Irimi: Ist der Weg frei, tritt ein.
=> Tenkan: Ist der Weg nicht frei, gib nach38.
=> Kontrolliere das Zentrum, sei das Zentrum der Bewegung.
=> Führe deinen Gegner.

38 Diese Zusammenfassung der Prinzipien Irimi und Tenkan erinnert stark an die Kampfprinzipien des "WT" (Wing Tsun), die K.R. Kernspecht beschreibt: "Ist der Weg frei, stoß vor" und "Wenn die Kraft des Gegners größr ist, gib nach" (Vergleiche K.R. Kernspecht: "Vom Zweikampf", Seite 114 ff und 126 ff). Tatsächlich ähnelt vieles von dem, was Kernspecht schreibt, den Prinzipien, die wir auch im Aikido anwenden. Die Lektüre seines Buches hat mir jedenfalls auch beim Verständnis von Aikido geholfen, weshalb viele Gedanken und Formulierungen durchaus von ihm beeinflusst sind.



Literaturliste

Die Bibel, EinheitsÜbersetzung; Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart 1980.

v. Brandis, H.-J.; Schönberger, W.: Anatomie und Physiologie für Krankenschwestern und andere Medizinfachberufe; 6. völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage; Gustav Fischer Verlag, Stuttgart, New York 1985.

Deshimaru-Roshi, Taisen: Zen in den Kampfkünsten Japans, 3. Auflage, Werner Kristkeitz Verlag, Heidelberg-Leimen, 1994.

Eckert, Roger: Tierphysiologie; Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1986.

Hepp, Tilmann: Wolfgang Güllich. Leben in der Senkrechten; 2. Auflage, Rosenheimer Verlagshaus Alfred Förg, Rosenheim 1993.

Herle, Ulrike: Selbstverteidigung beginnt im Kopf; Piper, München 1994.

Herrigel, Eugen: Zen in der Kunst des Bogenschießns; 37. Auflage, O.W. Barth Verlag, Bern, München, Wien 1997.

Kernspecht, Keith R.: Vom Zweikampf; 7. korrigierte und ergänzte Auflage; Wu Shu-Verlag Kernspecht, Burg/Fehmarn 1998.

Kersten, Joachim: Schwarzer Gürtel für alle?; in Psychologie Heute; Belz Verlag, Weinheim; 24. Jahrgang, Heft 12, Dezember 1997.

Lao Tse: Tao-Te-King; Diogenes Verlag, Zürich 1985.

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Noquet, Andrè: Der Weg des AIKI-DO. Gegenwart und Botschaft von O-Sensei Morihei Ueshiba; Werner Kristkeitz Verlag, Berlin 1977.

Pflüger, Albrecht: Karate 1. Einführung Grundtechniken; Falken Verlag